Und plötzlich ist alles anders

ereignismanufaktur

16/1/2023
Lebenspläne geraten manchmal durcheinander. Man erhält einen Anruf und plötzlich ist alles anders. Zum Beispiel, wenn der Vater von heute auf morgen pflegebedürftig wird. Doch was tun, wenn seine Wünsche und Vorstellungen nicht mit denen der besorgten Tochter übereinstimmen? Und stimmt es denn, dass früher alles besser war?

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“, erklärte der 2014 verstorbene Schauspieler und Entertainer Joachim Fuchsberger in seinem 2011 erschienen gleichnamigen Buch. Ergänzend stelle ich fest, auch das Miterleben besagten (plötzlichen) Altwerdens ist nichts für Hasenherzen. Die sollten sich schleunigst in allwissende und tatkräftige Superhelden verwandeln. Wenn es nur so einfach wäre.

Plötzlich ist alles anders

Manchmal passiert es einfach. Ein unvorhergesehenes Ereignis wirbelt den Alltag kräftig auf, der betagte Vater erleidet eine gesundheitliche Krise, kommt gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus (nicht unbedingt in das am besten geeignete, da selbst Rettungskräfte auf der Suche nach einer Klinik mit Kapazitäten oft endlos lange herumirren), wird notdürftig aufgepäppelt und mit viel Glück und töchterlichem Kraftaufwand zur weiteren Versorgung in eine Pflegeeinrichtung gebracht. Nun gilt es herauszufinden, wie es denn eigentlich weitergehen kann und muss.

Hat man gewisse Schrulligkeiten des alten Herrn bisher noch augenrollend hingenommen, erfordern plötzlich aufgetretene und nicht zu übersehende Verwirrtheitszustände, die partout nicht weichen wollen, jetzt wegweisende Entscheidungen. Entscheidungen, die der Senior offensichtlich nicht treffen kann, die – in unserem Beispiel die Tochter – nun übernehmen muss, egal ob sie will oder nicht. Entscheidungen, die der Vater bestenfalls mitträgt, leider oftmals aber nicht versteht und die tiefe Verzweiflung bei ihm hervorrufen.

Während er alles – mal erstaunt und mal entsetzt – hinterfragt (durchaus nachvollziehbar) und ein und dieselbe Frage wieder und wieder beantwortet und erklärt werden muss (aufreibend), lernt Frau Tochter zwangsläufig parallel die Feinheiten, Besonderheiten und Hürden der Pflegebürokratie kennen. Formulare, Broschüren (und viel Post der Pflegekasse) stapeln sich und erläutern Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege, Stationäre Pflege, Betreutes Wohnen, Pflegegrad, Pflegedienst-Abrechnung (nach minütlichem Aufwand), Pflegesachleistungen, Entlastungsbetrag, Vorsorgevollmacht und die Notwendigkeit dutzender weiterer Vollmachten. Und werfen ständig neue Fragen auf.

Theoretisch könnte der Vater dort bleiben. Eine schön gestaltete Einrichtung mit hilfsbereiten und freundlichen Menschen, die sich mit viel Empathie um die Bewohner:innen kümmern. Gesundes Essen, Hilfe bei den täglichen Verrichtungen, Alltagsbegleiter, die für Abwechslung sorgen. Einzelzimmer, eigenes Telefon. Im Notfall immer jemand da, der sich sofort kümmert. Auch die medizinische Versorgung ist gewährleistet, regelmäßige Arzttermine in den Pflegealltag integriert. Besuche sind jederzeit und ohne zeitliche Beschränkung möglich. Vorstellbar für die Tochter. Nicht jedoch für den Vater. Der rebelliert, will unbedingt heim, zurück in die eigene Wohnung. Am besten sofort:

„Ich kann hier nicht bleiben. Bring mich jetzt heim.“

„Warum willst Du denn unbedingt weg? Die sind doch alle sehr nett hier.“

„Jetzt schau Dich doch mal um, hier sind ja nur alte Leute!“

„Aber Papa, Du bist doch auch nicht jünger.“

„Das ist etwas völlig anderes.“

„Du kannst nicht alleine bleiben, das haben wir doch schon besprochen.“

„Unsinn. Mir geht es gut. Ich weiß gar nicht, was das alles soll. Warum bin ich denn eigentlich hier?“

Und wieder steht man ganz am Anfang. Erklärt den Grund seines Aufenthalts in der Kurzzeitpflege. Zum bestimmt zehnten Mal. Und überlegt, wie sich das Leben nun organisieren lässt.

Früher war es besser

Wir beklagen heute oft die Einsamkeit alter Menschen. Intensives Miteinander kommt zu kurz. Früher war es besser. Denn da verbrachten sie ihren Lebensabend warm und geborgen in der Familie. Man hat sich gekümmert, war füreinander da. Die eigenen Kinder waren letztlich die Altersvorsorge. Heißt es zumindest. Doch stimmt das wirklich?

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass diese nostalgiegeschwängerte Idealvorstellung keineswegs der Realität entsprach.

Von wegen Altersvorsorge

Noch bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa bei dreißig bis fünfunddreißig Jahren. Dieser statistische Wert beruht auf der extrem hohen Kindersterblichkeit. Es war keine Seltenheit, dass von zehn Kindern eines Ehepaares nur eines das Erwachsenenalter erreichte. Allzu viele „Alte“ lebten also nicht in den zeitweise durchaus großen Familien.

Selbstverständlich wurden auch viele Menschen deutlich älter, als die statistisch betrachtete durchschnittliche Lebenserwartung vermittelt. Wer die Gefahr der Kindersterblichkeit und auch das harte Arbeitsleben überstand, der konnte durchaus auch den achtzigsten Geburtstag feiern. Das kam in Adel und wohlsituiertem Bürgertum natürlich häufiger vor als beispielsweise in der wenig privilegierten Stadtbevölkerung, die oftmals unter prekären Umständen ihr Dasein in den Fabriken fristete, beengt wohnte und von gesunder Ernährung nur träumen durfte. Dass in diesen armen Familien die wenigen verbliebenen Alten dann warmherzig und aufmerksam umsorgt werden konnten, dürfen wir ruhig ebenfalls ins Reich der Träume schieben. Denn um einigermaßen zu überleben, musste jeder mit anpacken. Den Frauen oblag zudem neben dem schweren Arbeitsalltag auch noch die Verantwortung für den Haushalt. Woher sollten sie denn die Zeit für eine liebevolle Betreuung nehmen?

Man darf auch nicht vergessen, dass beispielsweise im 18. Jahrhundert nur jeder dritte Europäer an seinem sechzigsten Geburtstag noch ein lebendes Kind hatte, das sich – sofern es diesem überhaupt möglich war – um Vater oder Mutter kümmern konnte. Und was blieb den anderen Alten außer Einsamkeit?

Ordensschwestern, Siechenhaus und Suppenküche

Im 18. Jahrhundert existierte noch keine Altenpflege. Alte Menschen waren rar, deren Pflege entsprechend nicht im Fokus. Wer sich nicht alleine versorgen konnte, landete im Armenhaus, vegetierte dort vor sich und wartete auf den Tod.


Im 19. Jahrhundert kümmerten sich Ordensschwestern und die ersten Alten- und Pflegeheime entstanden. Dort jedoch waren überwiegend „sieche Personen“ untergebracht, körperlich (und geistig) schwache Menschen ohne Aussicht auf Besserung ihres Gesundheitszustands. Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff „Siechenheim“.


Während der Nazi-Zeit gar galt, wer unter „Altersblödsinn“ oder „Altersschwachsinn“ litt, als lebensunwert und wurde entsorgt.
Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurden erste Heime gegründet, die den heutigen zumindest ähnelten. Allerdings handelte es sich hier eher um eine Art „Verwahranstalt“. Das Wohlbefinden der „Insassen“ stand nicht im Mittelpunkt. Den eigenständigen Beruf des Altenpflegers gibt es übrigens erst seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Lange Schlangen mittelloser Greise standen bis ins frühe 20. Jahrhundert an Suppenküchen großer Städte an. Oftmals die einzige Chance auf eine warme Mahlzeit. Über ausgewogene und altersgerechte Ernährung, wie wir sie heute kennen, dachte man nicht nach.

Wer hätte das auch bezahlen sollen – mageres Fleisch oder Fisch, sowie Milchprodukte, Hülsenfrüchte und Eier für hochwertiges Eiweiß, Vollkornprodukte für Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe, frisches Gemüse oder gar kaltgepresste Pflanzenöle?

Pflege und Verantwortung heute

Heute ist es uns wichtig, Fehlernährung zu vermeiden und unsere Lieben gut ver- und umsorgt zu wissen. Jedermann ist bekannt, dass Pflege teuer ist. Adäquate Unterbringung im Heim oder im Betreuten Wohnen hat ihren Preis, ebenso wie die Unterstützung durch einen häuslichen Pflegedienst und möglicherweise zusätzliche Helfer für Haushalt und Besorgungen. Uns allen ist zudem bewusst, dass Pflegekräfte am Limit arbeiten und hierfür nicht einmal angemessen bezahlt werden. Die Pflegekasse allein kann diese Kosten nicht tragen. Doch werden unsere monatlichen Beiträge um fünf Euro erhöht, geht ein Schrei der Entrüstung durchs Land.

Es ist nun einmal so, wir werden heute deutlich älter als in der angeblich so guten alten Zeit. Unser Hilfebedarf steigt und unser Anspruch an Qualität und Umfang von Hilfsleistungen ebenso. Die Bandbreite an Möglichkeiten, unseren Eltern oder Großeltern einen entsprechend gut behüteten Lebensabend zu verschaffen, ist groß.

Außerordentlich schwer ist es jedoch, eine für alle Beteiligten passende Lösung zu finden. Für den Vater, der unbedingt heim und sein Leben weiterhin so gestalten will, wie er es immer tat. Für die Tochter, die erkennen muss, dass der Vater dazu nicht mehr in der Lage ist. Sich insbesondere der moralischen Verantwortung zu stellen und zu handeln, ohne dabei den Vater zu verletzen und in seiner Verzweiflung alleine zu lassen, dabei seine und ihre wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stets gut im Blick zu behalten, das stellt in meinen Augen manchmal die größte Herausforderung dar.

Lebenspläne geraten manchmal durcheinander, wir müssen uns darauf einstellen. Man erhält einen Anruf und plötzlich ist alles anders.

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