Das Jahr 1862 und der Kaffee

schreibmanufaktur

22/1/2023
Ein Ausflug nach Wien, wo wir die wunderbare Kaffeehauskultur genießen, uns eine Melange schmecken lassen und uns an einen der Wegbereiter der Wiener Kaffeespezialitäten erinnern, an Julius Meinl und sein 1862 gegründetes Delikatessengeschäft.

Herr Ober, bringen S‘ mir eine Melange

… ordert so mancher Wiener Kaffeehausbesucher. Gemeint ist eine typische Wiener Kaffeespezialität aus einem etwas verlängerten Mokka mit warmer Milch (ca. 1/8 l Espresso und 1/8 l warme, aufgeschäumte Milch), darauf eine Haube aus Milchschaum und gerne mit einem Hauch Kakaopulver verziert – ganz ähnlich dem Cappuccino – und nicht zu verwechseln mit einem Franziskaner! Der erhält nämlich statt der Milchschaumhaube eine Portion geschlagenes Obers (Schlagsahne) darauf. Immer dabei ein kleines Glas Wasser.

Kaffeehauskultur

Zwar haben die Wiener das Kaffeehaus nicht erfunden, das waren die Venezianer. Doch über England verbreitete sich die Kultur des gepflegten Kaffeetrinkens nach Wien, wo Johannes Theodat, ein armenischer Handelsmann, im Jahr 1685 das erste Kaffeehaus in der heutigen Rotenturmstraße eröffnete.

Ihre eigentliche Blütezeit erlebten die Wiener Kaffeehäuser Ende des 19. Jahrhunderts. Hier trafen sich Freidenker, Genießer und Literaten. Etliche Schriftsteller nutzten sie als ihre Wirkungsstätte. Man nahm am Marmortisch auf dem legendären Wiener Kaffeehaus-Stuhl aus sog. Bugholz Platz, von den Gebrüdern Thonet (ebenfalls Wiener) im Jahr 1859/60 kreiert und noch heute bekannt als Stuhl Nr. 14, diskutierte, las die Zeitung und zelebrierte den Kaffeegenuss.

Fast wären die Wiener Kaffeehäuser verschwunden. Doch glücklicherweise konnte der Klub der Wiener Kaffeehausbesitzer die Kaffeehaustradition wieder beleben und sogar erreichen, dass sie 2011 als immaterielles Kulturerbe der UNESCO ausgezeichnet wurde. In der Beschreibung heißt es hierzu u.a.:

„Die Kaffeehäuser sind ein Ort, in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht.“
„Ins Wiener Kaffeehaus geht man, wenn man allein sein will, dazu aber Gesellschaft braucht“,

erklärte einst der österreichische Schriftsteller, Journalist und Theaterkritiker Alfred Polgar (1873-1955). Und dass man dazu eine wunderbare Melange genießen kann, verdankt man einem anderen Wiener, nämlich dem Unternehmer Julius Meinl.

1862, Julius Meinl und der Kaffee

Den Namen Meinl kennt in Österreich und weit über die Landesgrenzen hinaus jeder Kaffeekenner und -liebhaber. Heute betreibt der Familienbetrieb zahlreiche Niederlassungen und arbeitet mit Vertriebspartnern auf der ganzen Welt zusammen. Zu den Kunden des Meinl-Kaffees zählt die Spitzengastronomie, aber auch der Privatmensch, der sich entweder daheim ein Tässchen gönnt oder im Lieblingscafé eine aromatische Pause einlegt.

Angefangen hat alles einmal ganz klein, und zwar im Jahr 1862. Da eröffnete Julius Meinl I. in der Wiener Köllnerhofgasse beim Lugeck (1. Bezirk) ein Delikatessengeschäft. Sein Sortiment umfasste Kakao, Tee, Gewürze, Reis, Zucker und Rohkaffee, also grüne Kaffeebohnen.
Grüner Kaffee selbst hat nur wenig Aroma und einen leicht herben Erbsengeschmack, ähnlich wie ein grüner Tee. Aus diesem Grund röstete man ihn üblicherweise am heimischen Herd. Julius Meinl entwickelte daher eine Methode zur industriellen Röstung und startete 1877 den gewerbsmäßigen Verkauf von geröstetem Kaffee. 1891 entstand seine erste Röstfabrik, der im Lauf der Zeit weitere folgten.

Julius Meinls Erfolg basierte sowohl auf seinem Geschäfts- als auch auf seinem Geschmackssinn. Denn dank seiner Innovation konnte der Kaffeetrinker volles Aroma ohne den bislang beim Rösten entstehenden Beigeschmack genießen. Dass wussten (und wissen) auch die Gäste der Wiener Kaffeehäuser sehr zu schätzen, egal, ob Melange, Franziskaner oder sonstige Kaffeeverheißung in der Tasse lockt.

Übrigens

Dass man sich die Melange in ansprechender Weise versüßen kann, verdanken wir einer segensreichen Erfindung aus dem Jahr 1843 – gemeint ist der Wiener Würfelzucker, dessen Geschichte ich hier erzählt habe. Auch dazu wünsche ich viel Vergnügen.

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